Ein Herrenhaus in einem Park in Polstead, genannt Polstead Hall

Polstead Hall oder Die Frau in Rot

Inhalt

Marie kommt in den frühen 1950er Jahren aus dem engen Nachkriegsdeutschland nach England, um dort als Au-pair zu arbeiten. In ihrem Traumland stößt sie auf einen ungeklärten Mordfall, einen weiblichen Geist und einen sehr charmanten Soldaten. Was sie sonst noch alles erlebt, davon erzählt diese beinahe wahre Romanze.

Leseprobe

Es war ein fremdes Land. Marie wusste kaum etwas darüber. Doch in seinem Namen lag ein Zauber. 

England: Die Menschen dieses Landes hatten die Menschen ihres Landes befreit. Seither sehnte sich Marie dorthin. Der Krieg war eine Weile vorbei und im Dorf auf der schwäbischen Alb war es ihr zu eng geworden. Als Tochter des Volksschullehrers erwartete man von ihr, dass sie sich wie ein Vorbild benahm. Doch vorbildlich mochte sie nicht sein. Sie hasste es, alle Augen der Gemeinde auf sich gerichtet zu spüren. Darum hatte sie unter der Laterne mitten im Dorf den amerikanischen GI geküsst, den ihre Familie eingeladen hatte, zum Abendbrot. So wie jede Familie einen amerikanischen Soldaten einmal in der Woche einlud. Doch für Marie war der junge Mann mehr als ein Gast, er war eine Chance. Mit seiner Hilfe, mit Hilfe der Laterne und eines Kusses zeigte sie allen, die es wissen wollten, was wirklich in ihr steckte. Dass noch die Hinterwäldler in den allerhintersten Reihen des Kaffs sie sehen konnten. Leider wurde ihnen nur dieser eine Soldat zum Essen geschickt. Am liebsten hätte sie gleich ein halbes Dutzend unter der zentralen Laterne geküsst. In den 1950-er Jahren war das noch was. Damit konnte man damals die Leute schockieren. Heute würde wohl kein Hahn danach krähen, wenn sie mit einer ganzen Hip-Hop-Gang in der Scheune des Nachbarn Orgien gefeiert hätte. Aber damals war das so.

Elizabeth II., eine junge, hübsche Königin, saß seit einem Jahr auf dem Thron und entzückte die ganze Welt. Prinz Philipp hatte eine Briefkorrespondenz mit ihr begonnen, als die Prinzessin gerade einmal 13 Jahre gewesen war, er selbst damals 18. Marie träumte von einem Prinzen, wie jedes andere Mädchen auch. 

Ihre Mutter weinte beim Abschied, ihr Vater hielt bis zum Schluss ihre Hand und unterdrückte mühsam die Tränen. Marie fühlte, wie sich ihr Gewissen meldete. Sie freute sich fort zu gehen. Die Stimmung in Deutschland war bedrückend gewesen. Die Schuld am Krieg und an Millionen von Toten lastete auf der gesamten Nation.

Als deutsches Au-pair nach England zu gehen, wirkte für Marie wie eine zweite Befreiung. Die Großmutter hatte sich dafür eingesetzt, dass sie zu einer streng katholischen Familie kam. Sie hatte Angst um ihre Enkelin, in diesem „wilden, fremden“ Land.  Im Januar 1955 war das gewesen. Der Zweite Weltkrieg war nach einem Jahrzehnt des Friedens noch lange nicht vergessen und die Deutschen das meist gehasste Volk der Welt. 

Ihre Oma steckte ihr auf dem Bahnsteig das Marienmedaillon zu, das sie selbst einst zur Kommunion bekommen hatte und bat sie, gut auf sich acht zu geben. Marie war all die Sorge zu viel. Sie war froh, als das Wartehäuschen des Bahnhofs hinter der Kurve verschwunden war.

„Setz Dich zum Mittagessen in den Speisewagen“, hatte die Mutter gesagt und ihr Geld in die Hand gedrückt. Deswegen hatte sie ihr keine Brote geschmiert. Zum ersten Mal hatte die Mutter ihr keine Brote geschmiert. Sonst gab es immer Graubrot mit grober Landleberwurst. Sie sollte es gut haben auf ihrer großen Reise, sich etwas gönnen. Doch im Zug gab es keinen Speisewagen. Das Magenknurren stellte sich schnell ein und Marie war nach der langen Zugfahrt zum Hoeg van Holland so ausgehungert, dass sie sich Kartoffelsalat mit Würstchen bestellte, sobald sie auf der Fähre saß und noch bevor diese ablegte. Gemeinsam mit zehn anderen Frauen saß sie kurze Zeit später in dem Raum vor den Damentoiletten. Das Schiff schwankte über die hohen Wellen und durch ihre Eingeweide schwappte die Übelkeit.

Das hübsche dunkelblaue Kostüm, das die Mutter ihr für die Reise hatte schneidern lassen, war verschmiert. Ihre gut frisierten kinnlangen Haare hingen in schmutzigen Strähnen um ihr Gesicht und Marie war völlig erschöpft, als sie endlich in England anlegten. Ihr Kopf fühlte sich hohl an. Und statt Freude, dass sie an ihrem Traumziel war, empfand sie Leere.

Ihr Gastvater, Dr. Harris, holte sie mit seinem hellbraunen Morris Minor an der Fähre in Harwich ab und begrüßte sie ohne die Miene zu verziehen. Sie war ein Mitleid erregender Anblick, doch er verlor kein Wort darüber. Ganz britische Reserviertheit in grauem Tweed. Außerdem war ihm als Arzt nichts Menschliches fremd.

Auf der Fahrt sprachen sie kein Wort. Marie war zu müde und selbst wenn sie hellwach gewesen wäre, hätten ihr die Worte in der neuen Sprache gefehlt, um Konversation zu betreiben. Dr. Harris schien das nicht zu stören. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und sang  dabei ein Lied, das Marie nicht kannte. 

Die Familie Harris bewohnte in Colchester ein schönes Backsteindoppelhaus direkt an einem großen Park.

Dr. Harris und seine Frau hatten vier Kinder – Peter war sechs Jahre alt, Liza fünf, Tom drei und Ruth 18 Monate. 

Die drei älteren schauten sie neugierig und wie Marie fand, hochnäsig an. Eine Eigenschaft, die ihr nicht besonders katholisch vorkam. Nachdem Marie sich kurz gewaschen und in ihrem kleinen Zimmer unter dem Dach den Koffer ausgepackt hatte, stellte Mrs. Harris ihr Nelly vor. Dann sagte sie etwas wie „have a close look“, zeigte auf ihre Augen und dann auf Nelly und diese nahm sie freundlich aber energisch bei der Hand. Nelly hatte bisher als Haushaltshilfe für die Familie gearbeitet. Jetzt war sie schwanger und Marie sollte ihre Aufgaben übernehmen, so viel hatte sie verstanden. 

Als Marie nach ihrem ersten Arbeitstag endlich im Bett lag, war es 23 Uhr. So viel Neues hatte sie aufnehmen müssen und dabei fast kein Wort verstanden. Keiner von diesen fremden Menschen um sie schien auch nur die leiseste Sympathie für sie zu empfinden. Plötzlich wusste sie nicht mehr, warum sie unbedingt hierher gewollt hatte. Ihr Körper schmerzte. Sie hatte nicht gewusst, dass Au-pair sein mehr als Kinder hüten bedeutete. Sie hatte nicht gewusst, dass sie bügeln, putzen, einkaufen und kochen musste. 

Ein unendlicher Weltschmerz legte sich auf ihre Brust und machte das Atmen schwer. Wenn wenigstens die Kinder nett gewesen wären, doch die Hochnäsigkeit war den ganzen Tag nicht gewichen. Nur die kleine Ruth war kuschelig und quiekte, wenn Marie sie kitzelte.

Nach zwei Tagen verschwand Nelly auf Nimmerwiedersehen und Marie musste sehen, wie sie allein mit der Arbeit zurecht kam. 

Um sechs Uhr rasselte am nächsten Morgen der Wecker und Marie wusste einen Augenblick lang nicht wo sie war. Sie rieb sich die Augen und erkannte die weißen Vorhänge mit den blauen Blumen. Ihr Herz schlug schneller – England. Es war Sonntag, doch Marie war sofort hellwach. Der erste Tag ohne Nelly.

Sie reckte sich und stieg in ihre Plüschpantoffeln

Als erstes musste sie Ruth mit Brei füttern. Die drei älteren Kinder schliefen noch. 

Ruth war verstimmt und prustete den Brei quäkend hier hin, dort hin und in Maries Gesicht. Nur einen Bruchteil schluckte sie hinunter. Irgendwann presste die Kleine ihre Lippen so fest zusammen, dass kein Brei mehr hindurch ging. Marie setzte sie in den Laufstall und ging ins Schlafzimmer der Eltern. Dort musste sie das Feuer im Kamin anzünden. Als sie den Raum betrat, sah sie, dass die Tagesdecke auf den Boden gerutscht war. Aber sollte sie die Decke aufheben und zurück aufs Bett legen oder würde das die Herrschaften stören? Sie hob den schweren Wollstoff auf und legte ihn sorgfältig gefaltet auf einen Stuhl. Dann machte sie sich daran, dass Holz im Kamin mit einem Gasanzünder zu entfachen. So etwas hatte sie noch nie gemacht. Sie spürte, wie ihr Herz eine Etage tiefer in den Magen rutschte und dort einige Unruhe anrichtete.

Zurück in der Küche kochte Marie Wasser für den Tee, briet Eier und Würstchen, erwärmte „baked beans“, füllte das Essen auf die hübschen blau-weißen Porzellanteller und platzierte alles zusammen auf einem Tablett, die Kanne versteckte sie unter dem Teacosy, genau wie Nelly es ihr gezeigt hatte. Der fremde Geruch kitzelte sie in der Nase und ihr Magen begann zu knurren.

Schon auf der Hälfte der Treppe hörte sie die empörte Stimme ihrer Gastmutter. Da Marie kaum ein Wort Englisch sprach, verstand sie nicht, worum es ging. Als sie das Tablett auf der Kommode vor dem Spiegel abgestellt hatte, zog Mrs. Harris sie unsanft am Arm vor den Kamin und zeigte auf den versengten Anzünder. Marie hatte ihn im Feuer vergessen. Mrs. Harris tobte, was auf Marie gleichzeitig bedrohlich und urkomisch wirkte, weil sie in der ganzen Tirade kaum ein Wort erkannte. Im einen Moment wollte sie losprusten doch im nächsten fürchtete sie, dass ihr Aufenthalt in England hier bereits enden könnte. Unehrenhaft entlassen. Wegen einer lächerlichen Unachtsamkeit. Scheinbar stundenlang ging das Gezeter. 

Schließlich konnte Marie dem Geschrei entgehen, weil sie sich um die Kinder kümmern musste.

Auch am nächsten Morgen vergaß sie den Anzünder im Kamin. Das Geschrei dauerte dieses Mal etwas weniger lang, war aber nicht weniger laut. Dr. Harris blieb völlig ruhig, er schien sie in Schutz zu nehmen, denn er schaute immer wieder freundlich zu ihr herüber, während er leise und beschwichtigend auf seine Frau einsprach. 

Dann musste Marie Peter und Liza in die Schule bringen und Tom in den Kindergarten. Dabei verliefen sie sich. Die Häuserzeilen sahen sich alle so ähnlich. Sie hatte einen Zettel dabei, auf dem neben einer Einkaufsliste der Name der Schule nebst Adresse stand. Die hielt sie mit einem unsicheren „Excuse me“ einer älteren Dame unter die Nase, die ihr bedeutete ihr zu folgen. Sie führte sie bis zur Schule und winkte ihr dann lächelnd „Goodbye“. Der Kindergarten war auf dem gleichen Gelände wie die Schule und die Kinder waren verschwunden, bevor Marie ihnen ihrerseits „Goodbye“ sagen konnte. Doch sie war erleichtert, dass sie gut angekommen waren. Die Verantwortung war so groß. Sie lag schwer auf ihren Schultern. Und das obwohl sie in ihrem jungen Leben schon manche Herausforderung hatte meistern müssen. Während des Krieges, wenn sie auf die vier jüngeren Geschwister hatte aufpassen müssen. Zu jener Zeit mussten schon junge Menschen große Aufgaben bewältigen. 

Im Lebensmittelladen suchte sie zusammen, was auf ihrem Einkaufszettel stand. Beim Metzger kaufte sie „Minced meat“ und wunderte sich, als der Butcher das Fleisch durch den Wolf drehte. Sie hatte gedacht „minced“ habe etwas mit Minze zu tun. Hatte sie doch schon mal davon gehört, dass die Briten zu ihrem Lamm gerne eine Minze-Sauce aßen. Sie sollte Nudeln mit Fleischbällchen kochen. Das mochten die Kinder besonders gern, hatte ihr Mrs. Harris zu verstehen gegeben. Fleisch war im Nachkriegsdeutschland Mangelware gewesen, selbst auf dem Land. Und so freute sich Marie sehr auf die Mahlzeit. 

Leider war nach dem alle sich bedient hatten nur noch ein Fleischbällchen für Marie übrig und sie musste sich an der Pasta satt essen. Doch auch davon war nicht genug da, so dass Marie mit knurrendem Magen vom Tisch aufstand und zu allem Überfluss auch noch den Abwasch für die sechs-köpfige Familie machen musste, während Dr. Harris wieder an die Arbeit ging. Seine Praxis lag im Nachbarhaus, was ihm viel Zeit mit seiner Familie erlaubte. Wenn keine Patienten da waren, saß er in seinem Lehnstuhl und las. Seine Frau kontrollierte unterdessen die Hausaufgaben ihrer zwei Schulkinder. Ruth schlief und Tom spielte mit seinen Bauklötzen.

An ihrem dritten Arbeitstag zog Marie den Anzünder rechtzeitig aus dem Kamin. Und die Feuer wurden immer besser. So wunderbare, große Feuer hatte das Haus noch nie zuvor gesehen. Der Kamin glühte. Vor Freude wie es schien.

Mit den Kindern verstand Marie sich ohne Worte, denn sie verstand immer noch kaum ein Wort. Morgens brachte sie die beiden Älteren in die Schule und den Kleinen in den Kindergarten.

Dreimal in der Woche hatte sie eine Stunde Englischunterricht. Das war nicht wirklich viel, aber besser als nichts. Außerdem hätte sie neben der üppigen Hausarbeit auch gar nicht mehr geschafft. Sie begann sich die neue Welt Wort für Wort zu erschließen. Und jeden Tag wurde das Leben in dem fremden Land bunter und reicher.

Samstag- und Sonntagnachmittags hatte sie frei und traf sich mit anderen deutschen Mädchen, die sie in ihrem Englischkurs kennengelernt hatte. Vor allem mit Edith aus Hamburg verstand sie sich. Diese arbeitete als Hausmädchen bei einer älteren Dame, die deutsche Literatur schätzte und mit der sie auf Deutsch konversieren sollte. Sie war selbst deutsche Jüdin, aber rechtzeitig aus Deutschland weggegangen. Sie war einem englischen Pianisten vor dem ersten Weltkrieg in seine Heimat gefolgt und hatte ihn geheiratet. 

Leider war er früh verstorben und da die alte Dame keine Kinder hatte, war sie sehr glücklich über Edith. Und Edith war mehr als glücklich über ihre Stelle. Bei ihrer neuen Freundin konnte Marie sich über ihre strenge Gastmutter ausweinen, die ihr keinen Fehler verzieh. Bei Edith gab es Tee und Shortbread. Beides streichelte Maries Seele. Vor allem die Plätzchen mit ihrer butterigen Zartheit.

Eines Tages wollte Peter auf dem Weg zur Schule über Rot gehen, doch Marie hielt ihn zurück. „Du hast mir gar nichts zu sagen, hat Mum gesagt“, sagte der Kleine. Und Marie war so erstaunt über diese Frechheit, dass sie nichts zu erwidern wusste.

Täglich gab Mrs. Harris Marie das Gefühl unerwünscht zu sein. Täglich ließ sie das Mädchen schuften wie Aschenputtel. 

Oft dachte Marie an ihre Mutter und Großmutter. Wie gut, dass sie ihr Hauswirtschaften beigebracht hatten. Marie wusste, wie man Hemden bügelte, sie kannte alle Tricks gegen Flecken. Sie hatte zu Hause häufig die Waschtage übernommen und auch in der Küche stellte sie sich geschickt an. Zwar kannte sie vor allem deutsche Rezepte, doch auch die Moden der englischen Küche waren ihr schnell geläufig. Sie kaufte sich von ihrem ersten Gehalt das Buch „Traditional Dishes of Britain“ von Philip Harben. Dieser kochte für die erste BBC-Kochshow überhaupt. Und hin und wieder erwischte Marie eine Minute, wenn sie ihren Herrschaften etwas ins Wohnzimmer bringen musste und diese zur Zerstreuung fernsahen.

Maries Familie zu Hause in Deutschland hatte noch keinen Fernseher. Ihre englische Gastfamilie besaß zwar einen, lud sie jedoch niemals ein, sich zu ihnen zu setzen. Doch Philip Harben war auch ihren deutschen Freundinnen ein Begriff und manch eine bekam die Gelegenheit die eine oder andere Folge zu schauen. Die meisten Gasteltern unterstützten das, da die Mädchen auf diese Weise Englisch und Kochen gleichermaßen lernten.

Edith erzählte ihr, dass Harben, als nach dem Krieg die Lebensmittel rationiert waren, teilweise seine eigenen Nahrungsmittel mit ins Studio gebracht und in der Kochshow verarbeitet hatte.

Er hatte seinen Landsleuten gezeigt, wie man aus spärlichen Zutaten etwas Gutes zubereiten konnte. Von ihm lernte England Steak and Kidney Pie kennen und Pommes Frites, die man hier Chips nannte. 

Und nun lernten es Marie und ihre Freundinnen. Doch im Gegensatz zu Ediths reizender Pianisten-Witwe verloren weder Mrs., noch Mr. Harris, noch eines der Kinder jemals ein Wort über Maries Kochkünste. Dabei ließ sie sich jeden Tag etwas anderes einfallen. Sie hatte sich ein weiteres Buch von Harben gekauft und kochte so ausgefallene Sachen wie Grapefruit und Shellfish Salad und wurde für diese Extravaganz dann auch noch gerügt. 

„Sie werfen unser Geld zum Fenster heraus“, sagte Mrs Harris und schüttelte angewidert den Kopf. Daraufhin rührten die Kinder das Essen nicht mehr an. Lediglich Mr. Harris probierte den Salat und schaute angetan. Fand dann jedoch den strafenden Blick seiner Frau auf sich gerichtet und schob den Teller mit dem wie Marie fand, köstlichen Gericht weit von sich, als befürchtete er, dass er sonst reflexartig weiter essen würde.

Auch ihre Ente mit Orange, die Marie eines Sonntags als „Sunday Roast“ servierte, bescherte ihr eine Zurechtweisung. Marie wurde allmählich klar, dass sie sich noch so anstrengen konnte, sie würde es ihrer Gastgeberin nie recht machen. Sie hatte das Gefühl, dass Mrs Harris immer strenger, ja sogar gehässiger wurde, je besser Marie sich entwickelte. Sie kochte immer besser, ihr Englisch wurde flüssiger und sie organisierte ihre Arbeit immer gekonnter mit wachsender Leichtigkeit.  Doch nie zeigte ihre katholische Gastmutter auch nur einen Hauch von Dankbarkeit, nie gab es ein Lob oder wenigstens einen anerkennenden Blick. 

In ihren Briefen nach Hause beschwerte sich Marie darüber, dass es ausgerechnet eine katholische Familie hatte sein müssen. Die Erwartungen ihrer Großmutter wurden hier nicht erfüllt. Von Nächstenliebe war nichts zu spüren. Nicht einmal von Akzeptanz.

Erst war Marie unsicher gewesen, dann überfordert, dann erschöpft und nun wurde sie allmählich wütend über diese kalte, ungeduldige Person. Nach drei Monaten hatte Marie die Nase voll. Sie holte Peter und Liza von der Schule und Tom aus dem Kindergarten ab und brachte sie nach Hause. Sie wusste, dass Mrs. Harris einen Arzttermin hatte und bald zurück erwartet wurde. Ruth hatte sie mitgenommen.

Marie sagte sehr langsam und deutlich „I’m not coming back“, zu den drei Kindern, nahm ihren Koffer, schloss die Tür hinter sich und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Sie ging zu Edith, die im Haus der alten Dame in einer kleinen Einliegerwohnung lebte. Edith hatte ihr einmal gesagt, sie könne bei ihr wohnen, wenn sie es bei der Familie nicht mehr aushielte.

Drei Tage lang ruhte sie sich einfach aus. Während Edith bei der alten Dame war, setzte sie sich in eines der gemütlichen kleinen Cafés. Dort lauschte sie der Melodie der neuen Sprache und genoss, dass man sie nicht kannte und in Ruhe ließ. Die Bedienung war freundlich und höflich. Es herrschte ein ganz anderer Ton als bei ihnen auf dem Dorf, das erahnte sie über jede Sprachbarriere hinweg.

Mit Ediths Hilfe setzte sie eine Stellenanzeige in die Zeitung. Eine Woche später hatte sie fünf Antwortbriefe. Ein Angebot gefiel ihr besonders gut. Es handelte sich um die Betreuung einer alten Dame in einem kleinen Ort ganz in der Nähe. Die Tochter der alten Dame hatte auf Maries Anzeige geantwortet. Die Mutter hatte vier leichte Schlaganfälle, die ihrem Kopf nicht geschadet hatten. Leider war sie jedoch gelähmt und konnte sich nur im Rollstuhl fortbewegen.

„Sie ist eine sehr angenehme Frau“, hatte die Tochter geschrieben. 

Marie überlegte nicht lange. Sie wollte nicht mehr als Au-pair arbeiten und war froh schnell etwas Neues zu finden. Am nächsten Tag trat sie ihre Stelle an. Ihre Arbeitgeberin, Mrs. Cooke, lebte im Herrenhaus der Familie ihres verstorbenen Mannes. Ganz aus hellem Sandstein glich es einer schlafenden Schönheit, deren beste Jahre lange zurücklagen. Das Gemäuer war zum letzten Mal im frühen 19. Jahrhundert renoviert worden und stand inmitten eines hügeligen ehemaligen Wild-Parks mit vereinzelten hohen Bäumen. Die legendäre über 1000 Jahre alte „Gospel Oak“ war im Jahr zuvor in sich zusammengefallen und bis auf ein paar Reste verfeuert worden. An ihrer Stelle wuchs eine frisch gepflanzte junge Eiche. Und Marie war traurig, dass sie den alten Baum gemessen an seinen Jahren nur um die Länge eines Wimpernschlags verpasst hatte. 

Eine helle Kiesauffahrt führte zu der überdachten und von zwei weißen, toskanischen Säulen flankierten Eingangstür.

Als Marie sie zum ersten Mal hochlief, schien die Sonne und tauchte das karamellfarbene Sandsteingebäude in weiches Licht. Marie konnte ihr Glück kaum fassen. Das sollte ihr neues Zuhause sein? So nah war sie ihrem Prinzessinnentraum noch nie gekommen. 

Im linken Flügel des Herrenhauses wohnte Mrs. Cookes jüngere Tochter Sarah mit ihrem Mann und zwei Kindern. Im rechten lebte die ältere Tochter Margret, allein.

Eine Wand in Maries Zimmer im ersten Stock bedeckte ein  schwarz-weißes Fries mit Ranken, Pflanzen und Säulen. Durch diese Szenerien kämpften sich mit Schwertern ausgestattete Ritter. Alles im Stil der Renaissance aus dem frühen 16. Jahrhundert. Das Werk trug den Titel „The Labours of Hercules.“ Marie blieb davor stehen und hatte selbst das Gefühl, die Ranken zögen sie mitten hinein in die Vegetation. Es fühlte sich beinahe an wie ein Spaziergang im Wald in der Nähe ihres kleinen Heimatdorfes. Und sie merkte, dass sie froh war, wieder auf dem Land zu sein. Fort aus Colchester.

Maries Zimmer war groß. In seiner Mitte stand ein einfaches Metallbett. Aus dem Fenster blickte sie weit über den Park bis zu dem Friedhof mit der hübschen kleinen Kirche St. Mary. Marie fühlte sich sofort wohl in ihrem neuen Zuhause. 

Mrs. Cooke war eine reizende Frau und Marie verstand sie über alle Sprachbarrieren hinweg.

Margret zeigte Marie, wie man Shepherd’s Pie kochte, Steak and Kidney Pie backte und alle möglichen Pasta-Gerichte, die zu dieser Zeit gerade in England in Mode kamen. 

Sarah hielt sich aus der Küchenarbeit völlig raus, da sie selbst Köchin in einem großen Hotel war. Sie verdiente das Geld für die Familie. Ihren Ehemann sah Marie meist, wie er sein Segelboot polierte. Hier und da etwas ausbesserte oder das Segel flickte.

Die Kinder waren gut erzogen. Das Mädchen knickste zur Begrüßung und der Junge verneigte sich leicht. Sie waren beide freundlich, gar kein Vergleich zu den Harris Blagen.

Wenn sie mit Edith am Wochenende in Colchester ausging, kam sie erst mit dem letzten Bus zurück nach Polstead. In den dunklen Gassen hörte sie nichts als ihre eigenen Absätze. Von dort führte ihr Weg über den kleinen Friedhof von St. Mary. Um sich selbst Mut zu machen, schaltete sie an dieser Stelle immer ihre Taschenlampe an. Dennoch sprang ihr Herz im schnellen Galopp. Sie hatte viele Geschichten gehört. Unter anderem die von der alten Frau im Pfarrhaus, die verrückt sein sollte und beim Schein des Vollmonds Monat für Monat Kräuter zwischen den Gräbern pflückte, um sich daraus einen magischen Trank zu brauen. Jedes Mal wenn Marie nachts hier entlang kam, fürchtete sie, die alte Frau könne plötzlich vor ihr stehen. Das würde sie zu Tode erschrecken. Doch bisher waren ihr nur Käuzchen begegnet. Einmal leuchteten im Dunkeln die Augen einer Katze. Im Sommer waren es schon einmal Glühwürmchen die vor der Hecke tanzten, die den Kirchhof einfasste. Sobald sie im Park war, hatte Marie einen ganzen Pulk von Begleitern. Ein Bauer hatte das Land der Cookes gepachtet und weidete hier seine Kühe. Die schliefen nachts im Schutz der hohen alten Bäume. Der Pegel der Taschenlampe weckte sie jedoch und zog sie magisch an. Sie folgten ihm und Marie über das Grün hinweg bis zum Eingang des Herrenhauses. Marie fühlte sich von den Kühen beschützt. Und hatte sich angewöhnt mit ihnen zu sprechen. Es wurde zu einer Art Ritual ihrer Ausgeh-Abende. Sie endeten stets mit einer Herde Kühe vor den ehrwürdigen weißen Säulen von Polstead Hall. Sobald Marie die Tür geschlossen hatte, trollten sich die Tiere wieder unter die Bäume um weiterzuschlafen. 

Als sie einmal nach einem Treffen mit Edith nachts durch die dunklen Gassen von Polstead lief, hörte sie hinter sich einen Wagen. Er näherte sich sehr langsam und fuhr dann einige Meter neben ihr her. Marie ignorierte das Auto und ging scheinbar ruhig ihres Wegs, während sie meinte, ihr Herz im ganzen Körper zu spüren. „Mary“, sagte da plötzlich eine bekannte Stimme. Und als Marie den Kopf wendete, sah sie Sarah, die jüngere der beiden Cooke-Töchter hinterm Steuer sitzen. „Do you want a lift?“ 

Erleichtert lachte Marie auf und stieg neben Sarah in den Wagen. 

Eine Woche später, kam sie wiederum aus Colchester von einem Treffen mit Edith und überquerte den Friedhof. Als sie fast bei der Kirche angekommen war, huschte eine Gestalt in einem roten Kleid durch den Lichtkegel ihrer Taschenlampe und zwischen den Grabsteinen hindurch. Vor Schreck wäre beinahe ihr Herz stehen geblieben oder zumindest die Taschenlampe aus der Hand gefallen. Als sie sich aus ihrer Starre gelöst hatte, begannen ihre Beine ohne ihr Zutun zu rennen, den Hügel hinauf auf das rettende Haus zu. Die Zweige der Büsche griffen gierig nach ihr. Einer verhakte sich in der Tasche ihres Mantels, die zerriss, als Marie sich voller Panik wehrte. 

Die Kühe konnten nicht mithalten und trollten sich bevor Marie die Tür erreicht hatte wieder zu ihren Schlafstellen an den Büschen und unter den Bäumen. Es knisterte und knackte, als sie sich niederlegten und Marie verlor beinahe den Verstand vor Angst. Sie schien eine Ewigkeit zu laufen, ohne sich der Tür zu nähern. Dann endlich stand sie zwischen den Säulen und versuchte den Schlüssel in das Schloss zu stecken. Doch so sehr zitterte ihr die Hand, während sie sich ängstlich umschaute, dass sie mehrfach das Schloss verfehlte. Viel zu langsam öffnete sich endlich die große Tür und sie stolperte mehr als das sie hineinging. Noch in der Tür drehte sie sich um. Da war nichts. Und doch spürte sie etwas. Sehen konnte sie lediglich die Auffahrt und die Schemen der Bäume in der Dunkelheit. Der Wind heulte leise, wie eine gequälte Seele. Marie schloss schnell und viel zu laut die Tür und lief rasch auf ihr Zimmer. Dort rettete sie sich in ihr Bett und zog sich die Decke bis über die Ohren. Die Aufregung wich lähmender Müdigkeit. Und wenige Augenblicke später zog der Schlaf sie in die traumlosen Tiefen seines dunklen Ozeans.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, trug sie noch sämtliche Kleider. Nur die Schuhe hatte sie im Schlaf abgestreift. (…)

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