Mimosen-Blog

Warum schreist du so?

„Warum schreist du so?“, fragt mich mein Vater. Dabei müsste er die Antwort eigentlich kennen.
Aufgewachsen bin ich unter der Einflugschneise eines großen Flughafens, wohnhaft an den Gleisen der Deutschen Bahn und seit neustem ausgestattet mit einem Mundschutz.
Ich muss die Stimme erheben, um gehört zu werden. Ich mache das allerdings völlig intuitiv, also ohne, dass es mir bewusst wäre.
Ich kenne Menschen, die ständig darum bitten, nicht unterbrochen zu werden, da sie es gewöhnt sind, dass ein Flugzeug, ein Zug oder eine Bahn ihren Redefluss Sinn verzerrend zerschneidet.
Ich erhebe meine Stimme, damit sie lauter ist als der Lärm von Flugzeug oder Zug, damit dieser meine Sätze eben nicht zerhäckselt.
Den Bewohnern des Dorfes meiner Kindheit sagt man nach, sie verstummten alle zwei Minuten während eines Telefonats. Das ist der zeitliche Abstand, in dem die Flugzeuge über die Häuser hinweg donnern.
Ich dagegen erhebe lediglich meine Stimme.

Doch zurück zu Corona. Ja, es gibt noch immer viel dazu zu sagen.

Meine Eltern können derzeit zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Terrasse ungestört genießen. Eine wunderbare Erholung ist das. Der Flugverkehr hat nicht nur nachgelassen, er war teilweise regelrecht stillgelegt. Neben einem blauen Himmel ohne Kondensstreifen hat das zur Folge, dass sie den Stimmen der Vögel lauschen können. Die reinste Klangdusche ist das zeitweilig.
Auch die Stimmen der Nachbarn hören sie jetzt noch deutlicher, ebenso die Geräusche der Laubbläser und Rasenmäher. Das schon. Aber die gab es ja sonst auf den Fluglärm noch oben drauf.
Kurzum es ist im Dorf meiner Kindheit zur Krisenzeit eine ganz neue Lebensqualität entstanden.
So laut kann im Übrigen selbst ich nicht schreien, dass ich auf der Terrasse meiner Eltern gegen den Fluglärm ankommen würde.
Die Flugzeuge fliegen hier normalerweise – also außerhalb von Zeiten, wie diesen, in denen ein Virus uns im Griff hat – so niedrig, dass man den Eindruck bekommt, ihre Metallbäuche kitzeln zu können.

Der Verkehr der Bahn hat dagegen gefühlt kaum nachgelassen. Es sind wesentlich weniger ICs und ICEs, aber nach wie vor flitzen, quietschen und rauschen Bahnen vorbei. Allein ihre Länge und die Zahl der Passagiere ist in den vergangenen Wochen zurückgegangen. Will ich zu Hause bei geöffnetem Fenster etwas sagen, muss ich also die Stimme erheben.
Deshalb schreie ich, Papa.

Wie schwierig es ist, sich noch dazu mit Mundschutz verständlich zu machen und im Geschäft oder auf dem Markt das zu bekommen, was ich bestelle, diese Erfahrung machen gerade viele Menschen.
Ich hörte von einer Freundin, die ein Kilo Erdbeeren vom Markt nach Hause trug und ein halbes Pfund Spargel, obwohl es genau umgekehrt sein sollte.
In großer Lautstärke mehrere Sätze in Folge zu sprechen und gleichzeitig hinter diesem Schutzstoff genug Sauerstoff zu bekommen, entwickelt sich zu einer neuen Fähigkeit, die wir wohl noch erlernen müssen.
Die andere Fähigkeit, die wir perfektionieren sollten, ist die, mit Mundschutz zu lächeln oder wenigstens freundlich zu wirken.
Wie viel wir normalerweise von den Lippen ablesen, wird gerade deutlich. Was waren wir hierzulande doch bis vor wenigen Monaten frei und unbedarft in dieser Hinsicht.
Das Virus wird nicht nur diesbezüglich zum reinsten Augenöffner.
Apropos Augenöffner: Mir kam eine Geschichte zu Ohren, in der sich in Zeiten von Corona und Mundschutz eine Liebe auf den ersten Blick ereignete. Das Himmelblau des einen Augenpaares schlug wie ein Blitz ein in das Braun des anderen Augenpaares – trotz Mundschutz und Abstand.
Noch immer gibt es Dinge, die stärker sind als wir und das fiese Virus. Die auf ganz leisen Sohlen daherkommen und uns dennoch übertönen. Wortlos.
Ich bin froh, dass es auch immer wieder die Liebe ist.

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