Literarischer Blog

Wenn Hunde spazieren fahren

Dass hier keine Missverständnisse aufkommen: Carla liebt Hunde! Sie hat nur deshalb selbst keinen, weil sie in der Stadt lebt und sich wegen ihrer Arbeit nicht genug um ihn kümmern könnte. 

Das bedeutet aber nicht, dass sie sich keine Gedanken um Hunde macht. Um die Menschen allerdings ebenso.
Sie saß mit einer Freundin an einem langen Tisch in einem Café und aß mit ihr zu Mittag. Ein Mann kam hinzu und schob dieses seltsame Gefährt vor sich her, das eine Mischung aus Rollator und Kinderwagen zu sein schien. Drin hockte aber kein Kind, sondern ein Dackel. Ein putzmunterer Dackel. Das stellte sich alsbald heraus, denn Herrchen legte eine Decke auf den Asphalt und Hündchen sprang auf diese Decke. Der seltsame Wagen stand leer und doof im Weg herum.
Carla wunderte sich.
Wann genau fing das an, dass Hunde – wohl gemerkt, gesunde, sich im Vollbesitz ihrer tierischen Kräfte befindliche, denen weder eine Pfote eingegipst, noch amputiert wurde – spazieren gefahren werden? Ist das gute alte Gassi-gehen zu profan geworden? 
Jedenfalls sichtet Carla seit einiger Zeit in der Stadt vermehrt Hundehalter, die ihre Vierbeiner spazieren fahren. 

Wollen vielleicht manche Hundebesitzer, ähnlich wie mancher Bugaboo– oder MacLaren-Schieber, zeigen, dass sie sich einen ganz bestimmten Wagentyp leisten können? Vielleicht erkennen Hundehalter das ja untereinander. Carla fehlt dafür entschieden der Blick.

Ebenfalls beliebt: Das Körbchen, mit integriertem Gitter, am Fahrradlenker von Frauchen oder Herrchen. Da kann der kleine oder weniger kleine Liebling dann durch die Maschen schauen, darf den Fahrtwind schnuppern und kriegt durchschnittlich mehr zu sehen, als beim Laufen. Kann aber nicht rechtzeitig reagieren, wenn er an Seinesgleichen vorbeisaust.

Variante drei
Der Fahrradanhänger, in dem normalerweise die Kids zur Schule oder einfach durch die Gegend kutschiert werden. Der Hund sitzt geschützt. Fahrtwind kann er keinen schnuppern, auch keine Artgenossen. Das kommt Carla als Mimose ziemlich mies und langweilig vor, wenn sie versucht, sich mal in den Hund hineinzuversetzen. 

Vergessen die spazieren-fahrenden Zweibeiner, die natürlichen Bedürfnisse ihrer Vierbeiner? Nervt es sie, dass Hunde ihr eigenes Tempo haben, manche, vor allem Dackel, darüberhinaus ihren eigenen Kopf? Dass sie stehen bleiben, um die Nase in den Wind zu halten, weil der ihnen etwas Spannendes erzählt? Oder um an einem Stein, einer Laterne, einem Haufen, einer Blume, einem Menschen, einem anderen Hund zu schnuppern. Und der Zweibeiner dann warten muss? Ihm der Hund also sozusagen seinen Willen aufdrückt. 

Aber brauchen Hunde nicht unbedingt Auslauf? Sollten sie nicht einfach mal ihre Freiheit genießen und herumtollen dürfen? Oder gönnt der Mensch, dem diese Vorzüge oft ebenfalls abhanden gekommen sind, sie dem Hund nicht mehr?

Vermutlich hat Carla da bloß etwas falsch verstanden. Wahrscheinlich will der Mensch seinen Hund einfach immer bei sich haben und dem armen Liebling nicht zumuten, zu laufen, weil er das selbst nicht so gerne tut.

Mehr von Carla gibt’s hier: Beautiful Soup oder Wie ich die Welt umprogrammierte

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