Foto by theotherkev
Literarischer Blog

Delfine der Lüfte

Die Delfine der Lüfte flogen gemeinsam mit mir durch ihr Himmelsmeer. Zumindest fühlte es sich so an. Der Mai war gekommen, eben erst und mit dem Mai – als würden sie innerlich Kalenderblätter abreißen – waren auch die Mauersegler zurück. Apus apus, nennt man sie im Wissenschaftler-Latein. Es war einer dieser Frühlingsabende, an denen der Rhein im Licht liegt, als sei er das Meer, seine Oberfläche unruhig, schuppig, hornig, wie die Haut einer dunkelblauen Riesenechse.

In Afrika verbringen die Mauersegler den Winter und wenn es Mai wird, sind sie wieder bei uns, unangekündigt, aber verlässlich, absolut verlässlich. Ihre Schreie sind ein Synonym für Sommer. Am 1. August verschwinden sie aus unseren Breiten so plötzlich, wie sie gekommen sind und nehmen ein Stück des Sommergefühls mit sich fort. Doch ich greife vor, viel zu weit vor.

An jenem Abend in dieser Woche waren sie über mir, neben mir, vor mir, hinter mir und um mich herum. Sie flitzten, schrien, sausten, überschlugen sich und ruhten nie, denn das ist so ihre Art. Dafür bewundere und liebe ich sie. Irgendwie erinnern sie mich immer an Delfine, so wie jene durchs Wasser pflügen – wendig und elegant und mit ganz ähnlicher Sprache – erobern diese unglaublichen Vögel das Himmelsmeer.


.

Mauersegler fressen und lieben in der Höhe

Selten kommen sie auf den Boden. Die meiste Zeit, schießen sie durch die Lüfte, erreichen im Sturzflug, den sie akrobatisch wendig meistern, bis zu 200km/h. Insekten futtern sie im Vorbeifliegen. Auch Liebe machen sie dort oben im Blau. Doch, ehrlich, ist so. Nur zum Brüten und zur Aufzucht der kleinen Mauersegler lassen sie sich herab, aus der Höhe. Den Futtersack randvoller, ganz nebenher geschnappter, Insekten.

Es war erhebend von ihnen umgeben zu sein an jenem Abend am Rhein. Mir war, als höbe auch mein schnödes Fahrrad ab, stöbe durch die Lüfte hinauf ins Himmelsblau zwischen den Mauerseglern hindurch und empor, als sähen sie mich als ihresgleichen an. Der Wind pfiff uns um die Ohren, der Rhein leuchtete in seinem Meerblau im Licht der allmählich untergehenden Sonne und in meinem Innern juchzte es – befreit, beglückt, erholt.
Drei herrliche Monate liegen vor uns, bevor die Mauersegler uns wieder verlassen.
Hört auf ihre schrillen Rufe, folgt ihren akrobatischen Kapriolen mit Euern Blicken, erfreut Euch an diesem Wunder, das die Natur uns jedes Jahr aufs Neue schenkt.
Ein Hoch auf die Delfine der Lüfte!
Hoch, ganz hoch!

Weitere Begegnungen mit Mauerseglern findet ihr in meinem historischen Krimi-Roman Greta und das Wunder von Gent

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Follow by Email