Föhr mit Blick auf Amrum
Mimosen-Blog

Endlich wieder auf Reisen

Eine Seefahrt, die ist lustig, aber auch eine Bahnfahrt ist nicht ohne. Egal – endlich wieder unterwegs sein!
In Zeiten wie diesen allerdings überlegt sich der Mensch genau, welche Reisen wirklich nötig sind. Als Mimose überlege ich mir das ohnehin ständig. Noch dazu Reisen mit der Deutschen Bahn, die einen ja auch schon zu normalen Zeiten allen möglichen und unmöglichen Eventualitäten ausliefern. Bereits ein verspäteter Zug oder stürmisches Wetter können erfahrungsgemäß eine ganze Kette von Unannehmlichkeiten nach sich ziehen.
Noch dazu kommt jetzt: einen geschlossenen Raum für acht Stunden mit vielen Unbekannten teilen, gewappnet mit einem Mund-Nasenschutz. Auch das nicht gerade Zen für eine Mimose.
Erst wollte ich daher zu Hause bleiben in diesem Sommer. Doch dann war das Meerweh größer als das Bedürfnis, den immer gleichen Raum zu beleben, der mir in den vergangenen Monaten Zuhause und Redaktion zugleich war.
Ich wollte meinen Radius wieder weiterziehen als Nachmittags-Radtour und Supermarktbesuch es ermöglichen. Außerdem macht die derzeitige Weltlage einen Menschen, der in Friedenszeiten in einem komfortablen Land wie Deutschland aufgewachsen ist, wenn irgendetwas, dann noch ein wenig demütiger und dankbarer. Was kann hier, in diesem auf Sicherheit gepolten Land, schon schief gehen?

Endlich wieder draußen unterwegs

Stieg ich also in den Zug Richtung Nordsee.
In jenem Wagen, in dem ich meine Reservierung hatte, reiste bereits eine Herrengruppe. Das kann auch schief gehen. Habe ich schon erlebt. Doch diese waren zur Abwechslung freundliche Gesellen, die keinen Alkohol und keine Musik dabei hatten, dafür Mundschutz und Fahrräder. Sie unterhielten sich auch durchaus dezent mit hessisch gefärbtem Zungenschlag. In Münster packten sie Radtaschen und Fahrräder und verschwanden auf ihre Tour, die sie an die Nordsee führen sollte, wie ich aus ihren Gesprächen entnehmen konnte.

Maske tragen passt nicht jedem

Ein hochgewachsenes, mittelaltes Paar löste die Männergruppe ab. Er, Typ arroganter Schnösel, nahm auf dem Gangplatz neben dem meinen Platz und lüftete alsbald seinen nur über den Mund gezogenen Mundschutz. Der Abstand zu mir betrug einen geschätzten halben Meter.
In sich über Stunden ziehenden giftigen Bemerkungen über eine unbekannte dritte Person verpackte er jede Menge Aerosole, die ungebremst und, wie ich hoffe virenfrei, zu mir herüber waberten.
Seinen Mundschutz zog er nur dann hastig, wie ein ertappter Pennäler über den Mund, wenn eine seltene Kontrolleurin zu uns fand.
Was soll ich sagen? Ich drehte ihm demonstrativ den Rücken zu und setzte mir meinen Quiet-Comfort-Kopfhörer auf, um sein Gemeckere nicht mit anhören zu müssen und seine Aerosole an mir abprallen zu lassen.

Endlich wieder mit den unterschiedlichsten Menschen auf Reisen

In Hamburg stieg er glücklicherweise endlich aus und es wurde zunächst leer in unserem Wagen.
Dann stiegen zwei Frauen mit ihren Kindern ein. Beide hatten drei dabei. Mir schräg gegenüber und in akzeptablem Abstand saß Lou auf dem Schoß ihrer hübschen mundschutzlosen Mutter. Dass sie Lou hieß, darüber ließen Mutter und Bruder keinen Zweifel und auch das dritte Kind, das, wie sich herausstellte die Tochter der Nachbarn war, nannte das kleinere Kind immer wieder beim Namen. Das tat sie häufiger als die Mutter. Sie sah sich offensichtlich mit ihren neun Jahren als die eigentliche Erziehungsberechtigte der kleinen Lou, deren Mutter sie geduldig bis liebevoll auch schon mal Loulou rief.

Lou geht während der Reise im Zug auf Reise

Lou jedenfalls hatte keinerlei Berührungsängste und eine überlebensgroße Schwäche für Kabel, Handys und andere Gadgets. Sie war ein Jahr alt, gerade einmal kniehoch, hatte zwei kleine Schneidezähne unten, schwarze Knopfaugen, trug ihre dunkelgelockten Haare in einem Minidutt und kommunizierte energisch und lautstark mit Hilfe von unartikulierten Ausrufen und empörten Jammerlauten. Und zwar immer genau dann, wenn Kabel- oder Handybesitzer ihren Besitz zurückeroberten oder -forderten.
Teilweise war Lous Raubzug allerdings so klammheimlich, schnell und leise, dass der Verlust der heutzutage anscheinend überlebenswichtigen, technischen Accessoires erst im Nachhinein auffiel.
Mit anderen Worten, in kürzester Zeit waren wir eine eingeschworene Lou-Fangemeinde. Verhext von einem Paar schwarzer Augen und gieriger, diebischer Baby-Patschhände, die auch schon mal an meinen Knien Halt suchten, wenn mal wieder die nach Kabeln aussehenden Träger meines Rucksacks ihr Interesse weckten.
Was soll ich sagen? Ich war schockverliebt in dieses Wesen, das zu neunundneunzig Komma neun Prozent non-verbal kommunizierte und doch so unglaublich ausdrucks- und willensstark war. Ihre Mutter bestätigte seufzend. „Ja, so ist sie – vom Aufwachen am frühen Morgen bis zum Einschlafen am Abend.“

Lou mit Handykabel auf Reisen

Lediglich zwei etwas weiter hinten sitzende Teenager-Mädchen schien das wiederholte Handyladekabeltauziehen mit der kleinen Persönlichkeit zu nerven. Sie wollten wahrscheinlich einfach mal eine Zugfahrt lang chillen.

Als Lous Mutter einmal kurz verschwand, riss Lou eine Tüte mit Knabberkram vom Tisch. Das Salzgebäck verbreitete sich weitläufig auf dem reichlich abgetretenen und von allem möglichen unaussprechlichen frequentierten Bahnboden.
Nachbarsmädchen klaubte daraufhin halb lachend, halb fluchend gemeinsam mit Lous eher stillem Bruder die knusprigen Einzelteilchen vom Teppich und verfrachtete sie zurück in die Tüte.
Dabei erfuhren die Umsitzenden, dass Lou diesen Coup bereits zum zweiten Mal landete. Allerdings führte es auch bei diesem zweiten Mal nicht dazu, dass sie das Zeug auch essen durfte. Stattdessen bekam sie Mamas Brust und war für kurze Zeit gebändigt.

Endlich wieder auf Reisen birgt auch Abschiede

In Dagebüll trennten sich dann unsere Wege, denn Lou reiste nach Amrum, wie ihre Mutter der anderen Mutter erzählte.
„Ich werde sie vermissen“, ließ ich Lous Mutter beim Abschied lachend, aber auch ein wenig wehmütig, wissen.
„Wieso, wo fahren Sie denn hin?“, fragte diese.
„Nicht nach Amrum, leider“, sagte ich
„Ja, schade, dann klappt es nicht.“
„Was denn? Dachten Sie, ich als Babysitter?“
„Nein, eher als Freundin zum Spielen.“ Sie lachte.
Ich bestieg dann die Fähre nach Föhr und brauchte noch eine ganze Weile, um zu realisieren, dass Lou nun woanders war und uns nicht mehr in Atem hielt.
Ich war plötzlich sehr froh über meine Reise mit der Deutschen Bahn und über die damit verbundenen Begegnungen. So lebendig war es das letzte Mal im Februar um mich her, als ich noch in einer richtigen Redaktion arbeitete mit richtigen Kolleginnen und Kollegen aus Fleisch und Blut.

Reisen bedeutet auch endlich wieder ein Stück Normalität

Jetzt schaue ich von Zeit zu Zeit nach Amrum hinüber, während ich ins Watt hinauswandere. Und dann denke ich an Lou und denke, wir hätten sicher sehr viel Spaß gehabt und gigantische Sandburgen zusammen gebaut.
Und dann weiß ich plötzlich, warum diese Begegnung so besonders und so besonders schön war. Diese winzige Lou weiß gar nicht, was gerade abgeht in der Welt. Sie versteht es noch nicht. Daher verhält sie sich, wie ein kleiner Mensch in Prä-Corona-Zeiten. Sie hat mir und den anderen Mitreisenden dadurch ein Stück sorgloser Normalität geschenkt. Und dieses Gefühl bleibt. Es ist ein Juwel, den ich gerade immer wieder hervorziehe und beglückt betrachte.

Auch im Kopf kann man Reisen, wenn es mal nicht anderes geht.

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