Literarischer Blog

Kopfreise nach Italien

Was ich besonders großartig finde am Lesen und am Schreiben, ist, dass ich hingehen kann, wohin ich will. Ich muss meine Wohnung nicht verlassen. Ich kann Gäste empfangen, ohne aufzuräumen und zu putzen. Ich brauche nur das Buch oder Manuskript, eine bequeme Sitzgelegenheit und schon geht die Reise los.

Gerade bin ich viel in Italien unterwegs. Daran sind zwei Frauen schuld. Sofia und Anna. Die beiden sind die Protagonistinnen meines neusten Roman-Projekts „Die Sfogliatelle von Sofia“. Die Titelheldin ist eine junge Italienerin, die mir die Amalfiküste des 20. Jahrhunderts zeigt. Anna wiederum begleite ich im Jahr 2014 dorthin.
Sofia ist eine junge Gräfin, die in ein wohlhabendes, ziemlich standesbewusstes und kühles Elternhaus hineingeboren wird, mit einem nervigen kleinen Bruder.

Anna ist eine Frau um die Vierzig und Mutter von zwei Kindern. Sie ist sehr jung Witwe geworden. Um sich von der Trauer zu erholen, kommt sie ebenfalls an die Amalfiküste und verliebt sich dort in ein halbverfallenes Kloster.

Ich bin ganz trunken vor Glück, wenn ich die Ausblicke genieße, die beide mir zeigen, wenn sie die schnörkelige Küstenstraße entlangfahren. Der Blick ist zeitlos grandios und hat sich nicht wesentlich verändert in den vergangenen hundert Jahren.
Ich genieße diese Reisen sehr und bin selbst schon ganz gespannt, wie es für die beiden weitergeht.
Jetzt muss ich schnell weiterschreiben und mir meine vielen Fragen beantworten:
Wird Sofia glücklich werden mit Francesco? Oder wird es werden, wie bei Julia und ihrem Romeo?
Und was ist mit Anna? Kann sie sich nach dem Tod ihres geliebten Mannes jemals wieder verlieben?
Alldem muss ich jetzt unbedingt nachgehen…

Hier kommt eine kleine Leseprobe:

Kapitel 1 – 1914 

„Sofiiia!“ 

Ihr Name schwirrt über den Garten hinweg – flink und elegant wie eine Libelle. 

Sofia liegt auf dem Rücken im Gras und schaut hinauf in den lackblauen Sommerhimmel. Der Duft von Zitronen und Orangen umschwebt sie und ist dabei so gegenwärtig wie ein Lebewesen. 

Eine luftige Wolkengiraffe schreitet von links nach rechts, gefolgt von einem schwebenden Wolkenhasen. 

Die Luft sirrt von kleinen und großen Insekten und Wärme.

Das geräuschlose Flattern der Schmetterlinge und das Singen der Vögel sind die Melodien, die sie umtanzen. 

Die Hitze des Tages legt sich auf ihre bloßen Arme und Füße. 

Seufzend dreht Sofia sich auf die Seite, stützt ihren Kopf auf eine Hand und schaut gedankenverloren in die Ferne. 

Der lichtblaue Horizont steht fadendünn und liniengenau über dem azurnen Meer. 

Der Ruf ihrer Mutter dringt nicht bis zu Sofia vor. Bis zu ihren Ohren möglicherweise schon – nicht jedoch bis in ihr Bewusstsein. Das ist erfüllt von wohligen Erinnerungen an die nahe Vergangenheit.

Am Vorabend haben sie ein rauschendes Fest gefeiert – den Geburtstag des Vaters. Durchaus nicht der einzige Anlass, froh zu sein – ein weiterer war die Genesung von Sofias jüngerem Bruder Vittorio. Er hat unlängst eine schwere Lungenentzündung überstanden, die er sich zuzog, als er sich eines Tages in einer Höhle verlief. Ein Trupp von sieben Mann hat den Zehnjährigen zwei Tage lang, zunächst erfolglos, gesucht. 

Dabei muss erwähnt werden, dass die Suchenden ebenfalls ihr Leben aufs Spiel setzten. Die vielen Grotten und Höhlen sind teilweise schwer zugänglich und von Wasser umspült. 

Vittorio harrte unterdessen – versorgt nur mit dem Käse-Panino Agatas, der Köchin – in einer feuchten dunklen Tropfsteinhöhle aus. Mit wenigen Gedanken in seinem Kinderkopf. Er war irgendwann selbst für Furcht zu müde gewesen.

Es war pures Glück oder wie der Vater es formulierte „Gottes Wille“, dass die Retter Vittorio überhaupt fanden.

Erschöpft hat er in einer Nische gekauert und ließ sich hinaustragen, unfähig sich zu bewegen. Er war völlig unterkühlt und dehydriert. 

Natürlich hat es selbst Sofia erschreckt, ihn so bleich zu sehen. Ganz stumm. Keine Frechheiten kamen mehr über seine blauverfärbten Lippen. Das war mit das Unheimlichste gewesen. Üblicherweise reizte er sie aufs Äußerste. Wie oft wollte sie ihn zum Mond schießen. Doch jeglicher Ärger über seine Streiche war in jenem Moment verflogen. 

Beinahe leblos wirkte Vittorio, als er endlich wieder in seinem Bett lag. Als hätte ihn das Jenseits bereits im Griff und er müsste ihm wieder entrissen werden.

Und so kämpften die Ärzte tagelang um sein Leben. 

Im großen Haus der Familie war es unterdessen zugegangen wie in einer Kirche. Eine Schwere lag auf allem, verursacht durch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung. 

Die Eltern sprachen Tag für Tag Gebete für ihren einzigen Sohn. Auch der Priester kam hinzu. Und die Mutter ging jeden Tag in die Dorfkirche an der kleinen Piazza, stellte Kerzen auf und betete zur Mutter Gottes. Sie war sicher gewesen, dass Maria genau die richtige Ansprechpartnerin war. Sie hat den Schmerz erlebt, den der Verlust des einzigen Sohnes bedeutet. Sofias Mutter flehte die heilige Maria an ihr ihren Vittorio zu lassen.

Und dann hat es wirklich einen Wendepunkt gegeben. 

Von einem Tag auf den anderen war Vittorio über den Berg und schon beinahe wieder so vorlaut wie zuvor. Und dann konnte ihn auch nichts mehr im Krankenbett halten.
Einen Tag später spielte er schon wieder mit Carlo, dem großen Jagdhund der Familie, im Garten.

Seit drei Wochen ist er nun wieder gesund. Alle sind erleichtert und das gab ihnen gestern einen zusätzlichen Grund um ausgelassen zu sein. 

Auch Sofia ist natürlich froh, dass es dem Kleinen wieder gut geht. Dabei hätte sie aber auch gerne gehabt, dass ihm mal ordentlich der Kopf gewaschen wird für sein leichtsinniges Verhalten. Aber ihre Eltern behandeln den Jüngeren mit ungleich mehr Nachsicht. „Du bist die Ältere“, kriegt sie regelmäßig zu hören. „Du bist doch schon so reif und verstehst das alles schon!“ 

Ja, ja. Das kennt sie nur zu gut. Also hat sie nichts gesagt.

Den Vater hat die Genesung seines Sohnes spendabel gestimmt. 

Sofia hat auf dem gestrigen Fest ein taubenblaues, knöchellanges, luftiges Chiffon-Kleid wie aus Blauregen getragen, das die Mutter ihr allein für den Anlass kaufen durfte. Es umspielt ihre mädchenhafte Figur, die allmählich weibliche Formen annimmt und passt perfekt zu ihren blauen Augen und den kurzen schwarzen Locken. 

Es war Sofias erster Ball. Sie durfte dazu auch eine Freundin einladen – die süße Simona. Das genaue Gegenteil von Sofia. Klein, fingerschmal und blond. Schon Tage zuvor waren sie aufgeregt gewesen. 

Und dann war es endlich soweit und Sofias Herz ist den ganzen Abend mit der Musik im Takt gehüpft. 

Sie und Simona waren sofort aufgefordert worden. Zwischen den Tänzen hatten sie ihre hübschen Köpfe zusammengesteckt und sich kichernd über ihre tollpatschigen Partner amüsiert, die entweder zu steif oder zu schlaksig waren, wie sie fanden, das war möglicherweise ihrer Ausgelassenheit geschuldet, denn sie wollten es so sehen und keiner war ihnen gut genug, das wäre zu langweilig gewesen. Sofia und Simona waren aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen. Bis Sofia in aller Heiterkeit plötzlich der Blitz traf, in Form der dunklen Augen eines stattlichen unbekannten jungen Mannes, die plötzlich auf ihr hafteten und jede ihrer Bewegungen zu filmen schienen. Er hatte an einer Wand gestanden und nicht getanzt. Er schien zu sehr mit Beobachten beschäftigt zu sein. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen.

Er hatte dann nach einer gefühlten Ewigkeit Sofia zum Tanzen aufgefordert. 

Dabei stellte sich heraus, dass sein Name Francesco war und er der älteste Sohn des Kindheitsfreundes ihres Vaters. 

Kaum ein Wort haben sie miteinander gewechselt. Nur ungezählte scheue Blicke. Und dann und wann ein feines Lächeln. 

Sofias Herz hat wild geschlagen, wie das Holz der Köchin, wenn sie die Scaloppine platt klopft. 

Sie hat während des Tanzens versucht, möglichst flach zu atmen, damit das Heben und Senken ihres Brustkorbs sie nicht allzu sehr verriet. 

Francesco hat ihr zum Abschied ins Ohr geflüstert, „Ich muss dich wiedersehen. Gib mir ein Zeichen und ich werde kommen, wohin du willst.“ 

Während Sofia auf der Wiese im Garten an seine Lippen an ihrem Ohr und seine Worte denkt, beginnt ihr Herz sich auch jetzt wie wild zu gebärden und ihr Atem geht schneller. Gleichzeitig breitet sich in ihrem Bauch eine ungekannte Wärme aus.

Sie hat mit ihren bald sechzehn Jahren noch nie mit einem Fremden getanzt. Und direkt der erste bringt sie derart in Wallung! 

Sofia lächelt. 

Da kommt ihr Name ein weiteres Mal vom Haus in den Garten geflogen. Es klingt jetzt nicht mehr flink und elegant. Eher ungeduldig. 

Seufzend steht Sofia auf, klopft sich das Gras und die eine oder andere Ameise von ihrem grünen Kleid. 

Wie gut, dass man darauf die Grasflecken nicht sieht. Vergnügt kichert das Mädchen. Und macht sich gemächlich auf zum Haus. Sie schnuppert noch hier am Jasmin, pflückt dort eine Hibiskus-Blüte und steckt sie sich in die dunklen Locken. 

Dabei summt sie das Stück, zu dem sie als erstes mit Francesco getanzt hat – einen leichtfüßigen Walzer. Ganz beschwingt und vergnügt fühlt sie sich dabei. 

„Wo warst du, um Himmels Willen?“, ruft die Mutter, als Sofia das Haus betritt.

Sofia antwortet nicht. Sie hat gelernt rhetorische von echten Fragen zu unterscheiden. Ihre Mutter fragt in der Hauptsache rhetorisch.

Sie rupft unter Sofias Protesten die Hibiskusblüte aus Sofias Haaren und zerdrückt sie im Innern ihrer Hand.

„Sofia, zieh dir ein sauberes Kleid an. Wir gehen in die Kirche.“

Sofia schaut fragend. 

Sie waren doch erst am Morgen in der Messe gewesen. 

Sofie hatte sich nach dem Fest nur schwer aus dem Bett und ihren Träumen quälen können.

Ohnehin haben sie in den vergangenen Wochen viel Zeit mit Beten verbracht. 

Sofia hat den Eindruck als würden die Gebete für ein ganzes Leben reichen. Viel lieber würde sie weiter auf der Wiese liegen und Gott danken, indem sie seine Schöpfung würdigt. Und die Erfindung des Tanzens. Die natürlich eher auf die Menschen zurückgeht als auf die Götter.

„Trödel nicht“, sagt die Mutter in Sofias Gedanken hinein. „Dein Vater will in wenigen Minuten los. Der Fahrer wartet schon.“

Fluchend steigt Sofia die Treppe hinauf und betritt ihr sonnendurchflutetes Zimmer. Über die Wände schlängeln sich grüne Ranken an denen Zitronen prangen. Sofia hat sich die Tapete zu ihrem dreizehnten Geburtstag gewünscht und sie gegen den Willen ihrer Mutter durchgesetzt. 

„Nimm lieber Rosen. Sie sind die Königinnen der Blumen“, hatte diese gesagt. 

Aber Sofia hatte den Kopf geschüttelt und der Vater hatte ihr den Wunsch erfüllt. Er hatte keine Meinung in diesen Dingen. Und Sofia war fast in allen Dingen anderer Meinung als ihre Mutter. Das machte ihr das Leben nicht unbedingt leichter. Aber viel leichter konnte ihr Leben ohnehin kaum sein.

Genervt holt sie ihr Sonntagskleid aus dem Schrank, streift ihr leichtes grünes ab und schlüpft in das schwere, schwarze. Kurz geht sie mit der Bürste durch ihre dunklen Locken. Zieht ein Hütchen auf und ist auch schon wieder auf der Treppe, an deren Fuß die Eltern sie erwarten.

„Und Vittorio?“, fragt Sofia.

„Der bleibt bei Agata in der Küche.“

Der Satansbraten bekommt immer eine Sonderbehandlung, denkt Sofia. 

Dann folgt sie ihren Eltern zum Automobil.

Kapitel 2

Es ist mittlerweile Nacht.

Das Gebet am Nachmittag war nahtlos übergegangen in das Sonntagsessen mit Lammbraten, Radicchio und Rotwein. Zum Nachtisch hatte Agata Schneeflocken gebacken. Das Lieblingsgebäck des Vaters. Brioche gefüllt mit Sahne und Ricotta. Wunderbar cremig und besser als es sie in irgendeiner Pasticceria in Neapel zu kaufen gibt.

Sofia ist nicht sicher, was sie geweckt hat. Sie meint ein Geräusch gehört zu haben. Ein Klopfen an ihrer Tür? Sie horcht in die Nacht, hält den Atem an und reibt sich die Augen, als könnte sie dann besser hören. 

Draußen singen die Zikaden ihr lautes, eintöniges und doch so berückendes Lied. Es erzählt ihr vom Sommer, von seinen kurzen Nächten und lichtdurchwebten langen Tagen voller Duft und Unendlichkeit.

Stumm liegt sie da und wieder fließt dieses warme Gefühl durch ihren Körper, als hätte es sich in ihr Blut gemischt um jeden Winkel ihres Organismus zu erreichen.

Da ist es wieder. Das Geräusch. Es klingt wie ein Stein gegen Glas. Sofia zieht ihren seidenen Morgenmantel über, tritt auf den Balkon hinaus, in die duftend milde Nacht und blickt über die Brüstung in den Garten. 

Eine Gestalt steht dort unten, das kann sie erkennen. Kurz erschrickt sie. Ein Einbrecher? Aber welcher Einbrecher macht sich durch Steinchen bemerkbar? „Sofiiia“, flüstert jetzt die Gestalt. (…)

Kapitel 9

2014

„Signora, das Essen wird gleich serviert!“, der Koch persönlich steht neben ihrem Liegestuhl und überbringt ihr diese Nachricht. 
Anna schaut ihn über den Rand ihrer großen schwarzen Jackie O. Sonnenbrille hinweg an, lächelt schüchtern und sagt leise „Grazie“. 

Die Gegenwart anderer Menschen verunsichert Anna. Sie ist sich dessen nur zu bewusst und das macht sie umso scheuer. Nur gegenüber sehr vertrauten Menschen, wie ihrer Tochter, ihrem Sohn und ihren engsten Freundinnen kann sie sich entspannen und empfindet eine gewisse Selbstverständlichkeit. 

Seufzend blickt Anna auf die weite dunkelblaue Fläche, die das Meer ist. Die Sonne verfärbt sich allmählich zu einem tiefen feurigen Orange und senkt sich dem Horizont entgegen. Eine Stimmung, die sie vor wenigen Jahren noch tief berührt hätte. 
Doch es ist die erste Reise, die Anna nach dem Tod ihres Ehemanns unternimmt. 
Mit nicht einmal vierzig Jahren wurde sie zur Witwe. Das ist jetzt drei Jahre her. Kaum auszuhalten ist das. Sie kann es noch immer nicht fassen.

Die Abwesenheit ihres Mannes war ein Schock, der sich in den ersten Monaten nach seinem Tod jeden Morgen nach dem Aufwachen erneut über sie legte, alle ihre Sinne lähmte und ihr die Freude an allem nahm. Selbst zu Dingen, wie essen und trinken, die sie immer genossen hat, muss Anna sich noch immer zwingen. 

Die Freundinnen lagen ihr monatelang in den Ohren.
„Liebe, so kann es nicht weitergehen“, sagte ihre beste Freundin Jian irgendwann. 

Sie war es auch, die Anna eingebucht hat auf diesem Segelschiff. Jian ist selbst begeisterte Seglerin.

„Es ist wie Meditation, den Wind zu beobachten und das Boot so auszurichten, dass es von ihm profitiert. Du bist im Einklang mit der Natur. Ihr geht Hand in Hand, Wind im Segel. Am besten Rückenwind“, hat Jian gesagt. Noch während sie sprach, entspannte sich etwas in Anna. 

Nun ist Anna hier. 

Sie ist von München nach Neapel geflogen und hier an Bord gegangen.
Das elegante Holzsegelboot ist so groß, dass es für zehn Menschen Platz bietet. Doch sie sind gerade mal zu fünft.
Es gibt einen Skipper, einen Koch, eine Reiseleiterin und eine junge Frau, die  Anna hinterher räumt und feine Dinge serviert. 
Von morgens bis abends. 

Jeden Tag macht Anna Facetime mit Jian. Heute hat sie ihr zum vierten Mal das Meer gezeigt. Einfach nur das Meer. Das jeden Tag anders aussieht. Heute hat Jian gesagt: „Meine Liebe, ich entspanne mich mit dir. Deine Anrufe sind auch für mich ein Stück Urlaub.“ Dann hat sie Anna auf ihre unnachahmliche Art angelächelt. Und Anna war noch dankbarer als sonst, sie zur Freundin zu haben.

Es gibt für Anna nichts weiter zu tun an Bord, als das Segel zu beobachten und zu bewundern, wie straff es sich aufbläht, wenn es am Wind steht und ansonsten zu essen, zu schlafen, zu sonnen und zu lesen. 

Aber vor allem gibt es das Meer. 

Die meiste Zeit verliert sich Annas Blick in dessen Weite. Sie lässt ihn auf den Wellen treiben und hinweg bis zum fadendünnen dunkeltürkisfarbenen Horizont. Vor ein paar Tagen dann, meldete sich tatsächlich ein leichter Hunger. 

Die salzige Meeresluft und das Bad im erfrischenden Wasser regen den Appetit an. 

Nachdem sich Anna an diesem Abend rasch für das Essen umgezogen hat und aus ihrer etwas stickigen Kajüte zurück an das luftige Deck steigt, fällt ihr Blick auf die weltberühmte Amalfi-Küste. Die untergehende Sonne taucht die hoch über dem Meer thronenden Felsen in ihr warmes orangefarbenes Licht. Unterbrochen wird ihr karger heller Stein von kleinen Bäumen und Büschen, hier und da lassen sich Straßen ausmachen. Der Fuß der Felsen verschwindet im Wassers, dessen Türkis allmählich wie von schwarzer Tinte verschluckt wird. 

Anna atmet tief durch. Dann hebt sie den Blick vom Meer Richtung Himmel.
Auf einen der Felsen schmiegt sich ein Haus. Ein weitläufiges Haus mit grauer Fassade. Es liegt gemächlich am Abgrund wie eine Raubkatze auf dem Sprung. 

„Sagen Sie, was ist das dort oben für ein Haus?“, fragt Anna während des Essens beiläufig ihre Reiseleiterin. 
Diese hebt den Kopf und folgt mit dem Blick Annas Finger.
„Das ist ein Kloster. Es ist, soweit ich weiß, mittlerweile allerdings nicht mehr bewirtschaftet“, antwortet die junge Frau.
Anna nickt. 
Und kann den Blick nicht mehr abwenden. 
Welch’ wunderbaren Ausblick man sicher von dort oben hat, überlegt sie. 
„Kann man es besichtigen?“, fragt sie ihre Reiseleiterin schließlich. 
„Ich weiß es nicht, aber ich finde es für Sie heraus“, antwortet diese. (…)

© Katja Pelzer 2020

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