Krähe auf einem Zaun
Mimosen-Blog

Die Krähen und ich

Die Krähen und ich – das war keine Liebe auf den ersten Blick. Dass ich ihnen überhaupt eine Chance gebe, verdanken die Vögel einer Begegnung auf Curaçao. Lange, sehr lange ist es her, da lernte ich dort den Autoren und Journalisten Cord Riechelmann kennen. Es war im Rahmen einer Pressereise. Zu Curaçao fiel den meisten Deutschen damals weniger die Insel, als vielmehr der blaue Likör von Bols ein. Auch die Insel gehört zu den Niederlanden und so verbrachten vor allem unsere Nachbarn hier ihre Ferien.
Das wollte der dortige Tourismusverband ändern.
Und so flog ich als Teilchen einer kleinen Gruppe von Pressevertreter*innen auf das ferne Eiland.

Während unsere Kolleg*innen und ich auf der Suche nach Seepferdchen im karibischen Wasser schnorchelten – alles von Berufs wegen, versteht sich, man will ja die Schönheit eines Ortes in ihrer Gänze erfassen – blieb Kollege Cord an Land und hielt auf seinen Spaziergängen Ausschau nach den gefiederten Bewohnern Curaçaos. Er ist nämlich zudem studierter Biologe. Mich beeindruckte das schon damals sehr.

„Jeder kennt sie, kaum einer mag sie“.

Cord Riechelmann „Krähen“ ein Porträt (Naturkunden), Verlag: Matthes & Seitz, Berlin 2013)

Ich verlor ihn nach dieser Reise wieder aus den Augen. Bis sein Buch über „Krähen“ erschien.
Wer meinen Blog liest, wird wissen, dass ich Vögel zu den wunderbarsten Lebewesen überhaupt zähle, vor allem nach einer, ebenfalls weit zurückliegenden, Reise nach Costa Rica, wo viele Arten endemisch sind. Aber davon ein andermal.

Ich könnte sie stundenlang beobachten. Das gilt für exotische ebenso wie für unsere heimischen Zug- und Singvögel. Krähen dagegen verursachen bei mir ähnliches Unbehagen, wie Elstern oder andere Rabenvögel. Ich assoziiere sie mit Habgier und Kälte. Sie sind mir unheimlich, da bin ich ehrlich. Dessen ist sich auch Cord Riechelmann bewusst. Sein Buch beginnt mit den Worten: „Jeder kennt sie. Kaum einer mag sie.“

Schon vor Millionen Jahren gab es Krähen

Und doch kam mir kürzlich wieder in den Sinn, was Cord Riechelmann über die Krähen sagte und schreibt. Sie waren lange vor uns da. Im tropischen Regenwald zunächst als Urkrähe. Daraus entwickelten sich dann die anderen Arten und bevölkerten vor vielen Millionen Jahren beinahe alle Kontinente, bevor noch der Mensch sich auf diesem Planeten breit machen konnte.
Tja.

Sehr klug seien die Krähen, beschreibt Cord in seinem kleinen feinen Büchlein. Wer einmal eine Krähe dabei beobachtet hat, wie sie Nüsse knackt (sie lässt sie beispielsweise auf die Straße rollen oder wirft sie auf die Gleise, damit Auto oder Zug die Arbeit erledigen), der weiß, wie clever und anpassungsfähig die schwarzgefiederten Vögel sind.

Krähen halten uns den Spiegel vor.

Auslöser für all diese Erinnerungen waren die zahlreichen Begegnungen mit Krähen im vergangenen Corona-Jahr, vor allem in unseren Parkanlagen und auf Grünflächen. Dort waren die Vögel in Scharen damit beschäftigt, unseren Müll zu zerpflücken, auf der Suche nach Futter.
Was soll ich sagen?

Mehr Menschengemachtes als Biomasse

Stellvertretend für die ganze Menschheit fühlte ich mich ertappt, erkannt, entlarvt. Mit ihrem Tun nämlich, sorgten die Krähen dafür, dass sich Coffee-to-go-Becher, McDonalds-Schachteln und anderer Take-away-Verpackungsmüll auf den Wiesen ausbreitete. Als hielten uns die Tiere einen Spiegel vor. Als rieben sie uns unter die Nase, im wahrsten Sinn des Wortes, was für eine elende Konsum- und Wegwerfgesellschaft wir sind. Wie wir uns allmählich zumüllen.
Zum ersten Mal gibt es seit vergangenem Jahr (2020) mehr menschengemachte Materie als Biomasse. Das muss man erst mal schaffen!
Jedenfalls musste ich sehr an Cord Riechelmanns Worte denken und daran, wie intelligent Krähen sind. Denn so, wie es aussieht, wird es diese Vögel auch noch geben, wenn wir Menschen uns längst unter unserem Müll begraben haben.

Mehr Vogel- und Menschengeschichten gibt’s hier

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