Eine Frau in einem weißen Kleid unter Wasser mit Luftblasen um Mund und Nase
Mimosen-Blog

Außer Atem

Wie war das eigentlich damals vor vielen Jahren, als der Atem floss, ohne, das wir ihn beachteten? Allzu selbstverständlich war er. Das Virus jedoch hat ungezählte Menschen erst ihres Atems und dann ihres Lebens beraubt. Aber auch den Atem der Überlebenden hat es beeinflusst. Natürlich ist das, wie alles im Leben, subjektiv. Meinen Atemrhythmus jedenfalls hat die Pandemie zeitweise ganz schön aus dem Takt gebracht. Ich fühlte mich wie unter Wasser und natürlich ziemlich außer Atem.

Doch ruhiger, tiefer Atem ist elementar für unser Wohlbefinden. Wer meditiert oder Yoga macht, erlebt, wie achtsames Atmen Blutdruck und Stresslevel senken kann. In diesen beinahe zwei Jahren der Pandemie war mein Atem die meiste Zeit kein langer, ruhiger Fluss, sondern häufig eher ein ungleichmäßiges Stakkato. Außer Atem. Künstlich kurzatmig.
Das Virus hat den Atem, der synonym ist für Leben, darüberhinaus potenziell zur Gefahr werden lassen, zur Waffe. Für andere, vor allem für liebe, geschwächte Andere, namentlich die Eltern, Großeltern oder andere ältere Menschen. Genau in dem Moment nämlich, wenn unsere Aerosole das Virus transportieren, weil wir infiziert sind, ohne es zu wissen.

Der Atem änderte sich

Es heißt seitdem, Abstand halten. Plötzlich gibt es geteilte Wege, Umleitungen aller Arten und immer geht es um die angemessene Distanz zu den Dingen und den Menschen. Der Atem ändert sich. Er folgt nicht mehr einfach dem naturgegebenen Rhythmus. Er wird künstlich angepasst, je nachdem, wie nah man den Anderen kommt.

Luft anhalten

Begegneten mir im ersten Sommer der Pandemie Jogger, Sportler, Radler oder auch nur Spaziergänger und kamen sie mir näher, als es mir (übrigens auch in anderen Zeiten) behagt hätte, setzte mein Atem auch schon mal aus. Oder ich bremste ihn bewusst, indem ich ihn anhielt, das Atmen vorübergehend einstellte. Und war dadurch natürlich anschließend erst recht außer Atem. Musste hektisch um ihn ringen, nach Luft schnappen. Irgendwann pendelte sich das Atmen dann wieder im normalen Rhythmus ein. Und beim nächsten Jogger, Radler oder Spaziergänger ging das Spiel von vorne los. Irgendwie schien nie genug Platz da zu sein, nie genug Sauerstoff. Dafür umso mehr Stresshormone. Mittlerweile wissen wir mehr: Im Freien sind wir frei. Die Aerosole verflüchtigen sich.

Allein atmen

Im Juni 2021 dann wurde England zum Virusvariantengebiet erklärt, während ich dort Zeit verbrachte, bei meinem Liebsten. Ich musste dann irgendwann zurück nach Deutschland …und erst mal zwei Wochen in Quarantäne. War wieder allein, allein, in meinen vier Wänden. Und der Atem wurde flacher, vor lauter allein sein. Wieder geriet der Rhythmus aus dem Takt. Hat sich dann aber rasch eingependelt, als ich wieder raus durfte aus dem Haus.

Mittlerweile sind die meisten von uns geimpft. Wir entspannen uns allmählich. Und das obwohl die Zahlen in nie gekannte Höhen steigen.
Doch gleichmäßig atmen muss ich erst wieder lernen. Mir dessen wieder bewusst werden. Und das antrainierte Störgefühl abschütteln, wenn ich tief ein und aus atme.
An die allgemeine Maskerade habe ich mich dagegen längst gewöhnt. Trage ich FFP2, atme ich möglichst ruhig, vergesse sie beinahe, die Maske. Außer wenn ich renne – im Bahnhof zum Zug beispielsweise oder wenn ich einfach nur Treppen steige. Denn dann wird die Luft ganz schön dünn oder eben dick unter der Maske. Auch hier ändert sich, klar, der Atemrhythmus und muss wieder zurück in den Takt finden.

Archaischer Atemrhythmus

Richtig ruhig und tief floss mein Atem in all diesen Monaten außer beim Yoga nur im Wald und am Wasser. Das Kommen und Gehen des Wattenmeeres, das Rauschen der Wellen, das Raunen des Windes, das ja eigentlich auch nichts anderes ist, als eine höhere Form des Atems, bringen mich von ganz allein zurück in den Takt, zurück zu dem uns von Geburt an geschenkten archaischen Atemrhythmus.
So, und jetzt alle: tief Durchatmen.

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